Donnerstag, 24. März 2011

Freizeitnichtkönner

Erster superwarmer Rausgehsonntag des Jahres. Alle werfen sich in ihre bequemste Jeans oder Jogginghose und rennen an den Rhein. Warum nur der Herr auf dem Foto nicht? Warum stecken seine Beine in gebügelten Anzughosen, Lederschuhen und Berlingtonsocken? Ich weiß es, denn ich kenne das Elend dieser Leute - er kann es einfach nicht. Menschen wie er können keine Freizeit. Sie atmen Business durch jede Pore ihrer Körper und fühlen sich in ihrer Bänkermontur sicher und angepasst. In dem, was man als Freizeitkleidung bezeichnet, fühlen sie sich seltsam unbehaglich. Kurze Hosen empfinden sie außerhalb von Schwimmbecken und Afrikaurlaub als irgendwie falsch. "Anziehen" bedeuet für sie "Hemd anziehen". Wenn sie außerhalb von Sportplätzen aus einer zwanghaften Situation heraus ein T-Shirt tragen müssen (Stichwort: Junggesellenverabschiedung mit blödem Mottoaufdruck-Shirt), ziehen sie es sich ÜBER das Hemd. Sie tun das wirklich! Ich habe zwei Jahre in der Düsseldorfer Altstadt gelebt und bin jeden Samstag beim Milchkaufen in Junggesellen-Motto-Shirt-Trauben geraten. Da habe ich es gesehen! Freizeitnichtkönner, die sich das T-Shirt über das Hemd streifen, weil sie es nicht besser wissen.

Erinnert sich noch jemand an Karl-Theodor zu Guttenbergs fantastische TV-Inszenierung, während der er im AC/DC-Shirt auf einer Wahlkampfbühne "abrockt". So volksnah, so unverkrampft, so ungeheurlich sympathisch - und so entlarvend. Denn das T-Shirt sitzt, na klar, über dem Hemd. Guttenberg ist heimlicher Anführer der Freizeitnichtkönner, und viele viele Menschen sehen darin nicht das Scheitern, das es tatsächlich ist, sondern empfinden das ganze als den "guten Stil eines erfolgreichen Menschen". Es ist so traurig.

Und weil es so schön schrecklich ist, eine Zugabe:

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