Dienstag, 23. August 2011

Nachrichten aus dem Kreißsaal

Loriot ist tot. Das kommt zwar nicht sonderlich überraschend, allerdings ist dieses Jahr schon voll genug mit prominenten Sterbefällen, die mich aus verschiedenen Gründen persönlich tangieren. Cy Twombly, Lucian Freud, Roman Opalka... Ich habe inzwischen ein schlechtes Gefühl, wenn ich morgens das erste Mal auf Spiegel-Online gehe, aus Angst ich müsse über den Tod von Jasper Johns oder Gerhard Richter lesen.

Denn das Problem ist ja Folgendes: Wenn berühmte Menschen sterben, wird davon in den Nachrichten gesprochen. Und je zahlreicher die Todesmeldungen, desto verdichteter die Befürchtung, bald seien alle guten, schlauen Menschen tot und die Erde ein trostloser Brocken. Tolle neue gute Menschen scheinen nicht nachzukommen. Man sollte damit aufhören den Tod berühmter Menschen in den Nachrichten zu verkünden. Man sollte statt dessen von deren Geburt berichten!

Wie schön das wäre. Schlagzeile 25. Oktober 1960:

Wie das Kreiskrankenhaus Oberhausen heute bestätigte, ist gestern der spätere Theaterregisseur und Künstler Christoph Schlingensief zur Welt gekommen. Der gesunde Junge ist 51 Zentimeter groß und 3400 Gramm schwer. Er wird ab den 1990er Jahren vorerst für seine skandalträchtigen Theater-, Film- und Fernsehinszenierungen bekannt werden, bevor er sich als gefeierter Aktionskünstler und Opernregisseur, unter anderem für die Bayreuther Festspiele, einen Namen machen wird.

Ich wäre nur halb so traurig über das Ableben von Loriot, wenn die Nachrichten morgen verkünden würden:

In der Nacht auf heute ist in Kassel Robert Lunger zur Welt gekommen. In seiner beispiellosen Karriere vom Hobbyfilmer zum "Größten deutschen Filmwunderkind des 21 Jahrhunderts", wie er später genannt werden wird, soll es ihn wie kein zweiter gelingen, innovative Erzählmuster des deutschen Autorenfilms mit der effektvollen Bildmacht des Hollywoodkinos zur Synthese zu bringen, und damit beiden Genres zu einer lange herbeigesehnten, unverhofften Wiederbelebung zu verhelfen. Seinen frühen Durchbruch wird er 2033 mit einem Film haben, der zur Musik von Ben Folds die fiktive Liebesgeschichte zwischen dem jungen Prinz Harry und einem Stallburschen erzählt.

Da aber das Fernsehen immer nur nach Einschaltquoten schielt, wird weiterhin ausschließlich von Todesfällen berichtet werden. Angeblich weil sich schlechte Nachrichten besser verkaufen als gute, und weil die Leute nunmal lieber von bekannten Dingen und Menschen hören, als von zukünftigen, noch unbekannten Stars. Der wahre Grund ist allerdings ein anderer - Fernsehen ist und bleibt einfach böse.

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