Mittwoch, 16. November 2011

Der hübsche Penner


 In der Düsseldorfer Altstadt sitzt bisweilen ein Penner, der den Eindruck vergangener Schönheit ausstrahlt. Irgendetwas an seinem Gesicht erinnert mich an Hollywood. Nicht dass wir uns falsch verstehen – der Typ ist durchaus ein richtiger Penner mit Bier und Geruch und so, trotzdem unterscheidet er sich von seinen Arbeitskollegen drum herum. Er bettelt nie und ich habe ihn noch nie mit anderen streiten oder pöbeln sehen. Wenn ich recht drüber nachdenke, habe ich ihn noch nicht mal jemals sprechen hören. Er sitzt grundsätzlich alleine und scheint nachzudenken.

Ich will mir vorstellen, dass er einmal ein hoffnungsvoller Schauspieler war. Kurz vor dem Sprung in die USA verliert er sich trotz der Warnungen bester Freunde im Alkohol. Enge Kollegen aus dem Filmmilieu mutmaßen über die Ursachen im zu frühen, zu plötzlichen Ruhm. Andere munkeln, er habe die Trennung von seiner Frau - einem Model aus Luxemburg - nie ganz verwinden können. Es folgt der Skandal bei den Filmfestspielen in Cannes. Sichtlich angetrunken uriniert er in einen Blumenkübel neben dem roten Teppich. Danach das Übliche - ausbleibende Rollenangebote, gescheiterter Versuch einer Karriere als Kunstfotograf, peinlicher Auftritt mit fettigen Haaren in einer Latenightshow. Danach Stille.

Wenn er heute auf der Straße sitzt, erkennt ihn niemand mehr. Das Haar ist länger, das Gesicht aufgedunsen, Ansätze eines Vollbarts. Der Geist des späten Jim Morrison aus Pariser Tagen umweht ihn wie ein silberner Vorhang, durch den die anderen Penner ihn nicht sehen können. So kann er ungestört die Menschen beobachten. Wer weiß - eines Tages wird er seine Memoiren auf einer Buchmesse präsentieren. Er wird dabei rauchen und Ginger Ale trinken und verschmitzt erklären, dass das seine Ersatzdroge sei, seit er den Dämonen des Alkohols abgeschworen hat. Ob er Tipps geben könne, wie er das geschafft habe, wird ein Interviewer wissen wollen. Und er wird sagen, die Dämonen hätten viele Gesichter. Jedem Menschen erschienen sie in einer anderen Gestalt und jeder müsse seinen eigenen Kampf gegen sie alleine durchstehen. Der Interviewer wird wissend nicken.

Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Gestern habe ich ihn wieder gesehen. Er hatte eine schmutzige Bundfaltenhose aus besseren Tagen an und es schien mir, als wäre er im Kampf gegen seine persönlichen Dosenbierdämonen noch arg im Rückstand.


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